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Der Google-Effekt: Was macht das Internet mit unserem Gedächtnis?

Kennt Ihr das auch: Unsere Eltern und Großeltern unterstellen uns immer wieder, dass wir uns nichts mehr merken können, ja dass wir sogar verblöden, weil wir uns zu sehr auf das Internet verlassen. Klar nehmen uns Google & Co ein Stück weit das Denken und Erinnern ab – aber sind wir deshalb wirklich weniger schlau?

 
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So entlasten wir unser Gehirn

Was wir nicht wissen, geben wir flink bei Google oder Wikipedia in die Suchleiste ein. Wie wir von A nach B kommen, schauen wir in einer der vielen Karten-Apps nach oder lassen uns vom Navi den Weg erklären. Telefonnummern hat man vielleicht im letzten Jahrhundert auswendig gelernt, aber jetzt? Die haben wir ja alle im Adressbuch gespeichert.

Das menschliche Gedächtnis hat begrenzte Kapazitäten. Von dem, was wir täglich lesen und erfahren, können wir uns nur einen Bruchteil merken. Aber wir können unser Gedächtnis unterstützen – zum Beispiel indem wir Dinge aufschreiben. Damit lagern wir sie aus und nehmen dem Gehirn mühsame Erinnerungsarbeit ab.

Wir können uns auch am Wissen anderer bedienen. Wenn Du beispielsweise keinen Schimmer hast, wie man eine Lampe montiert, rufst Du Deinen Vater an. Wenn Du nicht weißt, wie man einen Platten flickt, gehst Du in den Fahrradladen. Was andere wissen, musst Du Dir nicht auch noch merken. Es genügt, wenn Du Dich daran erinnerst, wer was weiß.

Und genauso wie das Wissen anderer unser eigenes Gedächtnis erweitert, tut das heutzutage auch das Internet. Google, Wikipedia & Co helfen uns auf die Sprünge, wenn unser Gedächtnis mal wieder auf dem Schlauch steht. Bei Facebook und Instagram können wir dank der endlosen Foto- und Nachrichten-Streams in Erinnerungen schwelgen, ohne dass das Gedächtnis das alles aktiv wieder rauskramen muss. Das Netz ist sozusagen eine externe Festplatte für unser Gedächtnis.

 
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Was merken wir uns überhaupt noch?

Eine spannende Studie zu den veränderten Gewohnheiten, wie Menschen mit Informationen umgehen, führten 2011 Betsy Sparrow, Psychologin an der Columbia Universität, und Daniel Wegner, Psychologie-Professor in Harvard.

Die Versuchspersonen sollten kurze Statements am Computer abtippen. Ein Teil der Teilnehmer ging davon aus, dass diese auf dem Computer gespeichert bleiben, der andere Teil glaubte, sie würden nach dem Lesen gelöscht werden. Das Ergebnis war, dass diejenigen, die glaubten, alles würde gespeichert werden, sich die Inhalte weniger gut einprägten als diejenigen, die dachten, die Informationen würden nach dem Lesen gelöscht werden.

In einem zweiten Experiment wurde den Versuchspersonen mitgeteilt, wo die Informationen auf der Festplatte gespeichert werden. Und siehe da: Die Studienteilnehmer konnten sich besser an den Ordner erinnern, in dem das Abgetippte gespeichert war, als an die eigentlichen Inhalte. Die Studie bestätigte, dass wir uns Fakten weniger gut einprägen, wenn wir wissen, wo und wie wir wieder an sie rankommen.

Was ist der Google-Effekt?

Bevor es Suchmaschinen wie Google gab, war die Art und Weise, wie Menschen sich an Dinge erinnern, anders. Unsere Eltern und Großeltern mussten vieles im Kopf behalten, weil es keine Möglichkeit gab, irgendwo nachzuschauen. Aber warum sollten wir unser Gedächtnis mit Fakten belasten, die wir jederzeit online nachschauen können? Und das ist der Google-Effekt: Das Phänomen, dass wir uns Dinge gar nicht erst merken, weil wir jederzeit wieder im Netz nach ihnen suchen können.

Unser Gedächtnis arbeitet ähnlich wie ein Bibliothekar: Der kennt auch nicht den Inhalt aller Bücher in der Bibliothek, aber er hat ein System, mit dem er jedes Buch schnell findet, wenn er es braucht.

 
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Wie verändert sich unser Gedächtnis?

Weil wir heutzutage soviel Zeit mit dem Smartphone oder vor dem Laptop verbringen, strömen viel mehr Informationen in unser Gehirn, als das noch bei unseren Eltern der Fall war. Klar, dass in unserem Oberstübchen ganz schön was los ist. Das Internet überschwemmt uns einerseits mit vielen Infos, hilft uns aber andererseits auch, sie zu managen.

Wie eine Studie der University of California ergeben hat, befreien das digitale Speichern und die Such-Möglichkeiten den Kopf von unnötigem Ballast und schaffen dadurch Platz, um Neues leichter aufzunehmen. Unser Gehirn verkümmert also nicht, sondern passt sich daran an, dass es so viele Informationen wie nie zuvor verarbeiten muss. Wir merken uns ja nicht weniger, sondern Anderes.

Was uns also heute intelligent macht, ist nicht mehr so sehr die Ansammlung von Faktenwissen. Ein „wandelndes Lexikon“ sind wir durch die vielen technischen Helferlein ja inzwischen fast alle. Was entscheidend ist, ist vielmehr die Art und Weise, wie wir mit all der Information umgehen und sie für uns sinnvoll filtern. Und jetzt versuche Dir mal das alles zu merken. Dann hast Du nächstes Mal auch genügend Argumente parat, wenn Dir wieder vorgeworfen wird, dass Du verblödest. ☺

 
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