#WIREINANDER

Das Immunsystem läuft Amok: Warum gibt es immer mehr Allergiker?

Die Augen tränen beim Radfahren durch Wald und Wiesen, der Gaumen juckt nach dem Essen, der Körper ist nach dem Eincremen von roten Punkten übersät. Allergiker kennen diese Symptome nur zu gut. Wenn man sich in seinem Freundeskreis umsieht, hat man das Gefühl, fast jeder ist auf irgendetwas allergisch. Woran liegt es, dass immer mehr Menschen Allergien haben?

 
01_ThinkstockPhotos-494382581
 
Was ist eine Allergie genau?

Allergien sind übertriebene Abwehrreaktionen unseres Immunsystems: Es stuft einen Stoff, der eigentlich unbedenklich ist, als gefährlich ein und reagiert sofort überempfindlich. Leider kann fast jeder Stoff aus der Umwelt zum Allergieauslöser werden, weshalb es oft lange dauert, bis man herausfindet, gegen was das Immunsystem da eigentlich rebelliert.

Wieso haben immer mehr Menschen Allergien?

Die Zahl der Allergiker hat in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen. Bei uns in Deutschland leidet schon fast jeder Dritte an einer Allergie. Vor allem Neurodermitis, allergisches Asthma und Heuschnupfen nehmen in den westlichen Ländern zu.

Die Neigung, auf manche Stoffe allergisch zu reagieren ist, so glaubt man heute, erblich. Dabei werden aber nicht die Allergien selbst vererbt, sondern die Allergiebereitschaft. Aber nicht nur die Gene, auch die Umwelt und unser Lebensstil lassen unser Immunsystem verrückt spielen.

 
02_ThinkstockPhotos-91821142
 

Pollenallergikern beispielsweise macht die globale Erwärmung zu schaffen. Die Zeit, in der Bäume und Gräser blühen, dauert bei uns in Europa inzwischen länger und ist deutlich intensiver als noch vor 30 Jahren. Nicht nur ist die Blühphase länger – auch die Pollen sind potenter. Durch die zunehmende Schadstoff- und Ozonbelastung sind viel mehr Allergene in der Luft enthalten. Die haften auf den Pollen und machen sie so für uns aggressiver.

Gibt es „gesunden Dreck“?

Die Umgebung, in der wir aufwachsen, hat einen großen Einfluss darauf, welche Allergien wir entwickeln. In verschiedenen Studien des Forscherteams rund um die Münchner Kinderärztin Dr. Erika von Mutius wurden Kinder, die im ländlichen Raum oder auf einem Bauernhof aufwachsen mit Stadtkindern verglichen.

Sie fanden heraus, dass die Bauernhofkinder seltener an Asthma oder Heuschnupfen erkranken, weil sie früh und regelmäßig mit potentiellen Allergenen in Kontakt sind. Ihr Immunsystem ist „trainiert“, es erkennt, dass Pollen, Hausstaub, Tierhaare etc. normal sind und keine Gefahr für die Gesundheit bedeuten.

Kinder, die in einer sehr sauberen Umgebung aufwachsen, kommen mit weniger Keimen und Erregern in Kontakt. Ihr Immunsystem spielt dann leichter verrückt, wenn Mutti ihre Hygienetücher mal vergisst und die Kinder mit sonst ungefährlichen Keimen in Berührung kommen.

 
Child and pony in the mini zoo
 

So ist es auch mit Lebensmittelallergien. Jahrelang wurde z.B. empfohlen, dass Kleinkinder allergene Lebensmittel wie Erdnüsse meiden sollen. Eine britische Studie des Allergologen George Du Toit, die im Frühjahr 2015 publiziert wurde, kam jedoch zu dem Ergebnis, dass bei Kindern, die in frühen Jahren Erdnüsse konsequent vermieden, die Gefahr sogar höher ist, dass sie irgendwann allergisch auf sie reagieren.

Beide Studien zeigen auch: Wir sollten nicht zu vorsichtig werden. Wer sich ständig die Hände desinfiziert, die Wohnung blitzsauber hält und gewisse Lebensmittel ängstlich meidet, ohne je schlecht auf sie reagiert zu haben, lässt seinem Immunsystem überhaupt keine Gelegenheit, mit gewissen Keimen und Stoffen Bekanntschaft zu schließen und sie als normal einzuordnen.

Siehe auch:

Keine Kommentare vorhanden
Dein Kommentar